Sie liefern 100 Millionen Corona-Tests
Dienstag, 2. März 2021
Die Nerbe plus aus Winsen steuert Expansionskurs: Die Chefs hatten rasch erkannt, dass ihre Artikel beim Kampf gegen das Corona-Virus überall gebraucht werden.
Geschrieben von: ROLF ZAMPONI, Hamburger Abendblatt
WINSEN: Abstrichbesteck. Ein Wort, das noch vor einem Jahr kaum jemand kannte. Nach Abertausenden Corona-Tests ist es zu einem Begriff geworden. Das Besteck, das sind die Wattetupfer für Rachen oder Nase und die Röhrchen für die Proben. 100 Millionen Mal hat die Winsener Nerbe plus solche Kunststoffprodukte für die Tests 2020 geliefert und in diesem Jahr werden es wohl ebenso viele werden. „Schon im Februar vor einem Jahr hat meine Frau Heike die Entwicklung in China beobachtet und gefragt, ob wir nicht etwas tun müssten“, erinnert sich Firmen-Chef Philipp Nerbe. Beide beließen es nicht bei der Frage. Das Unternehmerehepaar entwickelte im Luhdorfer Gewerbegebiet Werkzeuge für Röhrchen und Tupfer mit denen ihre deutschen und internationalen Partner die produzierten Mengen rasch steigern konnten. „Wir sind ins Risiko gegangen“, macht Nerbe deutlich. „Denn wir haben die Fertigung ohne Aufträge von Kunden hochgefahren.“ Alles richtig gemacht. Denn der Corona- Virus verbreitet sich in Europa und die Nachfrage setzt ein. Sie betrifft auch die Pipettenspitzen zur Aufnahme der Testflüssigkeiten und Reaktionsgefäße in verschiedenen Größen, die für die Analyse notwendig sind. „Wir haben im vergangenen Jahr die Marke von 30 Millionen Euro Umsatz geknackt“, sagt Nerbe und dabei schwingt Stolz in seiner Stimme mit. Kein Wunder: Lag der Erlös, als er das Unternehmen 2017 von seinem Vater Jürgen übernahm, noch bei 7,2 Millionen Euro. Neueste Innovation für die Corona- Tests ist jetzt ein Röhrchen mit einem Schraubverschluss, in das eine Flüssigkeit gefüllt wird. In das Plastikröhrchen wird der an einer Sollbruchstelle abgebrochene Tupfer mit hineingesteckt. Nach dem Zuschrauben kann das Gebinde vollautomatisch getestet werden. Das kürzt die Analyse erheblich ab. „Wir haben die neue Anwendung noch vor Weihnachten und damit zwei Wochen eher als geplant fertig gestellt“, freut sich der Firmenchef. Jetzt wird ausgeliefert. Der Hochlauf der Produktion in der Corona Krise bedeutet den bisherigen Höhepunkt der von Nerbe und seiner Frau angeschobenen Expansion. Sie umfasst nicht nur die ausgeweiteten Kapazitäten etwa bei den in der Bakteriologie eingesetzten Petrischalen von 150 Millionen auf 300 Millionen Stück im Jahr. Auch die weltweiten Exporte stehen heute für die Hälfte statt bisher für 30 Prozent des Geschäfts. Der größte Kunde ist dabei ein Großhändler in Japan. Zudem sind auf dem deutschen Markt heute mehr Außendienstler tätig. Wichtig für die Akzeptanz der inzwischen 750 Artikel für Labore, Universitätskliniken, die Pharma- und die Lebensmittelindustrie. Denn Produkte, die in Deutschland anerkannt sind, werden international rasch akzeptiert. Zentraler Punkt für den neuen Kurs war jedoch ein Standortwechsel. Die Halle in Winsens Osterwiesen, deren Größe nicht mehr reichte, stand zur Disposition nachdem Nerbe 2017 Alleininhaber wurde. Gefunden wurden 10.000
Quadratmeter im Gewerbegebiet Luhdorf, am anderen Ende der Osttangente. Dort steht nun die für 5,5 Millionen Euro erstellte neue Zentral mit 900 Quadratmetern Büro und einem Hochregallager auf 2000 Quadratmetern, in dem die gelieferten Artikel in Pappkartons aufgereiht und gestapelt sind. „Wir glauben an das Potenzial des Marktes, an unser Image und unsere Arbeit“, sagt der 48-Jährige. Eine Terrasse für Pausen und Meetings im Grünen Mehr noch. Für die inzwischen 60 Beschäftigten gibt es Massageliegen, einen Ruheraum, eine Terrasse für Pausen, Liegestühle und die Chance, sich für Meetings auf einer Wiese auf dem Grundstück zusammen zu finden. „Ich habe überlegt, welches Arbeitsumfeld sich die nächste Generation wünscht. Nur wer sich wohl fühlt, bringt eine gute Leistung.“ Flexible Arbeitszeiten und Homeoffice waren nach dem Einzug im Oktober 2019 ganz ohne den Corona-Virus bereits vorgesehen. „Wir waren also für die kommenden Krise vorbereitet, ohne schon davon zu wissen.“ Für die zunehmenden Aufgaben im operativen Geschäft holte sich Nerbe zudem einen weiteren Manager in die Geschäftsführung: Dirk Schellstede. Die beiden gelernten Schifffahrtskaufleute kennen sich seit zehn Jahren und waren auch über ihre Frauen und ihre zusammen fünf Kinder Freunde geworden. Nur: Schellstede, der an der Hochschule für Applied Sciences in Bremen zusätzlich Betriebswirtschaft studiert hat, war als hochrangiger Manager bei Airbus. Zuletzt als Einkaufs- und Bereichsleiter. „Wir haben uns noch im Herbst 2019 darauf geeinigt, dass ich wechseln werde“, erzählt Schellstede.
„Zunächst waren meine Kollegen bei Airbus verwundert. Nachdem die Krise einsetzte, haben sie mir zu meinen Weitsicht gratuliert.“ Nach dem Ende seiner Kündigungsfrist ist der 47-Jährige nun seit 1. Juni bei Nerbe plus. Das Führungsteam steht. Firmengründer setzte für Labore auf Plastik statt Glas Rückblende: Ebenso wie sein Sohn hatte schon Jürgen Nerbe bei der Gründung des Unternehmens 1976 auf einen sich verändernden Markt gesetzt. Damals zeichnete sich der Wechsel des Laborund Klinikbedarfs von Glas auf Kunststoff
ab. Den bot Jürgen Nerbe an, der zunächst noch in Maschen selbst produzierte. Der Umzug in die Osterwiesen folgte 1992. Zu dieser Zeit arbeitete Philipp Nerbe noch für die japanische Reederei NYK in Frankfurt. Der Wechsel zu seinem Vater hatte dabei einen besonderen Grund: Der Segelenthusiast wollte unbedingt bei einem Teilstück der Hongkong Challange zwischen Südafrika und Südamerika dabei sein. Für sechs Wochen Urlaub am Stück hatten die Japaner jedoch kein Verständnis. Nerbe fragte seinen Vater, ob er nach Winsen kommen könne. Jürgen Nerbe sagte ja, sein Sohn kündigte bei NYK, segelte und lernte den Job in Winsen „von der Pike auf.“ Als der Sohn im Jahr 2012 Geschäftsführer wird, überschreibt ihm sein Vater zwar 25 Prozent von Nerbe plus. Doch er bremst den Junior in seinem Drang, neue, sich für ihn abzeichnende Wege zu gehen. „Ich war nicht glücklich damit“, sagt Nerbe offen. Dann gelingt doch noch eine Einigung und die Übernahme der restlichen 75 Prozent. Es ist der 13. November 2017, der Geburtstag von Heike Nerbe und der Beginn der Expansion. Sie soll anhalten. Denn 2000 Quadratmeter auf dem Grundstück an der Porschestraße sind noch frei. Dort soll eine weitere Halle mit 1500 Quadratmetern angebaut werden. Vorgesehen sind weitere 1200 Quadratmeter Lager und 300 Quadratmeter für Büros. Baubeginn könnte im Sommer oder im Herbst sein, Fertigstellung im kommenden Jahr. „Wir brauchen noch mehr Platz für die Entwicklung von Werkzeugen und werden wohl noch einmal 20 Beschäftigte einstellen“, sagt Nerbe. Das soll sich in den nächsten Monaten genauer abzeichnen. Klar ist für den Firmenchef jedoch, dass er an seiner Devise festhalten wird, die ihm schon vor der Corona-Krise in eine vorteilhafte Position gebracht hat: „Es war noch nie verkehrt, eine als chancenreich erkannte Idee rasch umzusetzen.“


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